Use Cases

Mehr Konstruktionsvarianten in derselben Zeit: Machine Learning als schneller Vorfilter im CAE-Prozess

Zug mit FEM-Simulation und Machine-Learning-Surrogatmodell

Use Case

Machine Learning kann ein trainiertes Surrogatmodell nutzen, um Ergebnisse der Finite-Elemente-Methode (FEM) für neue Varianten schnell anzunähern. Ein Surrogatmodell ist hier ein ML-Modell, das aus FEM-Referenzdaten lernt und keine finale Freigabe ersetzt. Die aufwendige Rechenarbeit wird in die Datenerzeugung und das Training vorgezogen; vielversprechende Varianten werden weiterhin mit FEM validiert.
FEM-Referenzlauf im MVP
ML-Inferenz · Schritte/s

Ergebnisse

Die wichtigsten Ergebnisse auf einen Blick

ErgebnisBedeutung für den CAE-Prozess
Weniger als 2,5 % RRE bei allen finalen ModellenNARX, LSTM und Transformer erreichten über 1.024 Schritte eine technisch nutzbare Genauigkeit. Der beste Transformer erzielte 0,74 % RRE.
Rechenaufwand wird vorgezogenFEM-Läufe werden für Datengenerierung und Validierung gebündelt. Nach dem Training bewertet das Surrogat neue Varianten wesentlich schneller vorläufig.
Neue FEM-Ergebnisse erweitern die DatenbasisGeprüfte Simulationen können zurück in den Datensatz fließen und ein kontrolliertes, periodisches Nachtraining ermöglichen.

RRE steht für Relative Range Error: den Prognosefehler relativ zur Spannweite des betrachteten Signals. Je niedriger der Wert, desto näher liegt die Prognose an der FEM-Referenz.

Kernaussagen

Mehr Varianten prüfen, ohne FEM als Referenz aufzugeben

1

0,74 % RRE beim besten Transformer

Alle finalen Modelle blieben im MVP über 1.024 Schritte unter 2,5 % RRE. Der beste Transformer erreichte 0,74 %.
2

770.721 Zeitschritte pro Sekunde

Nach abgeschlossenem Training lieferte der Transformer Prognosen nahezu in Echtzeit. Datengenerierung und Training sind in dieser Inferenzleistung nicht enthalten.
3

FEM bleibt die Validierungsinstanz

Das Surrogat dient als schneller Vorfilter. Referenzdaten, Absicherung ausgewählter Varianten und finale Freigaben bleiben Aufgaben der physikalischen Simulation.

Ausgangspunkt

Wenn jede Änderung erneut durch den Solver muss

Im klassischen CAE-Ablauf (Computer-Aided Engineering) folgen CAD-Anpassung, Modellvorbereitung, Vernetzung – die Aufteilung des Modells in Rechenelemente –, Randbedingungen, Solverlauf – die eigentliche Berechnung – und Auswertung weitgehend seriell aufeinander. Jede weitere Konstruktionsidee startet diese Schleife erneut. Im kontrollierten Versuchsaufbau benötigte bereits ein FEM-Referenzlauf über zehn Kilometer durchschnittlich rund 20 Minuten. Die Konsequenz ist nicht nur Wartezeit: Wenn jede Hypothese einen vollständigen Lauf auslöst, werden tendenziell weniger Alternativen geprüft.

Klassischer CAE-Prozess

Abbildung: Der klassische CAE-Ablauf als Flussdiagramm: Von der CAD-Anpassung über FEM-Modellierung und Solverlauf bis zur Auswertung durchläuft jede Variante dieselben seriellen Schritte.
Abbildung Der klassische CAE-Ablauf als Flussdiagramm: Von der CAD-Anpassung über FEM-Modellierung und Solverlauf bis zur Auswertung durchläuft jede Variante dieselben seriellen Schritte.
Klassischer CAE-Prozess von der CAD-Modellerstellung über FEM und Solver bis zur Ergebnisbewertung
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Problem

Warum ein schnellerer Solver allein das Grundproblem nicht löst

Mehr Rechenleistung und effizientere Modellvorbereitung können einzelne Simulationen beschleunigen. Das Grundmuster bleibt jedoch gleich: Jede Variante durchläuft erneut die vollständige Berechnung. Ein ML-Modell als vollständiger FEM-Ersatz wäre ebenfalls keine tragfähige Abkürzung. Für sicherheits- und belastungsrelevante Entscheidungen bleibt eine physikalisch fundierte Referenz notwendig, und das Modell ist nur in seinem gelernten und validierten Parameterraum aussagekräftig.

Zielbild

Sofortige Orientierung, belastbare Validierung

Gesucht wird kein zweiter Solver, sondern eine zusätzliche Entscheidungsebene. Das trainierte Surrogat liefert während der frühen Konstruktion schnelle Prognosen zu dynamischen Reaktionen und Kräften. Teams können Varianten vergleichen, unpassende Ansätze früh aussortieren und aussichtsreiche Kandidaten priorisieren. Die FEM läuft für ausgewählte Varianten weiter und bleibt die verbindliche Referenz.

Paralleler Workflow

Wie Surrogat und FEM zusammenarbeiten

1

Das Surrogat gibt früh eine Richtung vor

Ein trainiertes Modell liefert die schnelle Vorbewertung für neue, innerhalb des Gültigkeitsbereichs liegende Varianten.
2

Die FEM erzeugt die verbindliche Referenz

Ausgewählte Kandidaten werden physikalisch berechnet und für belastbare Entscheidungen abgesichert.
3

Der Vergleich macht Abweichungen sichtbar

Prognose und FEM-Referenz werden gegenübergestellt, um Fehler und möglichen Modelldrift zu erkennen.
4

Neue Referenzdaten verbessern spätere Zyklen

Qualitätsgesicherte FEM-Ergebnisse können versioniert in Datensatz und kontrolliertes Nachtraining zurückgeführt werden.

Surrogat-Prozess

Abbildung: Die Prozessarchitektur besteht aus zwei Phasen: In Phase 1 (orange) entstehen Referenzdaten, Training und Validierung auf Basis des klassischen CAE-Ablaufs. In Phase 2 (blau) unterstützt das trainierte Surrogat die Konstruktionsschleife; ausgewählte oder unsichere Varianten werden weiter mit FEM-Berechnungen geprüft.
Abbildung Die Prozessarchitektur besteht aus zwei Phasen: In Phase 1 (orange) entstehen Referenzdaten, Training und Validierung auf Basis des klassischen CAE-Ablaufs. In Phase 2 (blau) unterstützt das trainierte Surrogat die Konstruktionsschleife; ausgewählte oder unsichere Varianten werden weiter mit FEM-Berechnungen geprüft.
Zweiphasiger CAE-Prozess mit Datengenerierung und Modelltraining sowie parallelem Einsatz von Surrogatmodell und FEM
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Phase 1

Datengrundlage schaffen und Modell vorbereiten

1

FEM-Referenzfälle erzeugen

Vorhandene und systematisch variierte Fälle werden simuliert. Beschleunigungen, Geschwindigkeiten, Verschiebungen und Kräfte bilden die Referenzdaten für das Training.
2

Daten vereinheitlichen und aufbereiten

Eingangsgrößen, zeitliche Verläufe und Zielsignale werden versioniert und in konsistente Trainingssequenzen überführt.
3

Surrogatmodell trainieren

Das Modell lernt, zukünftige Reaktionen aus bisherigen Systemantworten und äußeren Anregungen vorherzusagen.
4

Genauigkeit und Stabilität validieren

Unbekannte FEM-Daten prüfen Prognosefehler, Langzeitstabilität, Generalisierung und Rechenaufwand vor dem Einsatz.

Phase 2

Varianten schnell vorbewerten und mit FEM absichern

1

Neue Designvariante erstellen

Konstruktions- oder Parameteränderungen werden im bestehenden CAD-/CAE-Prozess vorbereitet.
2

Surrogat und Referenz parallel berechnen

Das ML-Modell liefert früh eine Prognose, während der vollständige FEM-Lauf im Hintergrund ausgeführt wird.
3

Varianten priorisieren

Die schnelle Einschätzung hilft, Alternativen zu vergleichen und nächste Konstruktionsschritte gezielt auszuwählen.
4

Mit FEM validieren

Referenzergebnisse sichern relevante Kandidaten ab und zeigen Abweichungen des Surrogatmodells.
5

Geprüftes Wissen zurückführen

Neue FEM-Ergebnisse erweitern den Datensatz und können ein versioniertes Nachtraining auslösen.

Machbarkeitsnachweis

Technisch brauchbare Prognosen nahezu in Echtzeit

Alle drei final untersuchten Modelle blieben über 1.024 Vorhersageschritte unter 2,5 % RRE. Der beste Transformer erreichte 0,74 % und verarbeitete bei der Inferenz 770.721 Zeitschritte pro Sekunde. Damit zeigte der klar abgegrenzte MVP: Ein Modell kann aus rechenintensiv erzeugten FEM-Referenzdaten lernen und anschließend schnelle, vorläufige Prognosen liefern.

„Nahezu Echtzeit“ bezeichnet ausschließlich die Inferenz des fertig trainierten Modells – nicht den Aufwand für Datenerzeugung, Training oder Validierung. Bei der hier verwendeten Abtastrate von 1.000 Hz entspricht ein Zeitschritt einer Millisekunde.

Referenz und Prognose

Abbildung: Die Abbildung zeigt für einen einzelnen Beispielausschnitt (Seed 311201, 130 km/h) FEM-Referenzwerte und die Prognose des Transformers. Die Kurven liegen eng beieinander, zeigen jedoch auch kleine Abweichungen; sie ersetzen keine Auswertung über alle Testfälle.
Abbildung Die Abbildung zeigt für einen einzelnen Beispielausschnitt (Seed 311201, 130 km/h) FEM-Referenzwerte und die Prognose des Transformers. Die Kurven liegen eng beieinander, zeigen jedoch auch kleine Abweichungen; sie ersetzen keine Auswertung über alle Testfälle.
Überlagerung von FEM-Referenz und Transformer-Prognose für Beschleunigungen, Positionen, Geschwindigkeit und Kraft
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Architekturwahl

Welches Sequenzmodell eignet sich für diesen Workflow?

Der Architekturvergleich zeigt einen Zielkonflikt: Der Transformer war über 1.024 Schritte am genauesten und schnellsten, während die LSTM über 10.000 Schritte stabiler blieb. Der ergänzende Beitrag trennt Genauigkeit, Fehlerakkumulation, Generalisierung und Rechenaufwand.

Wirkung

Was sich im Entwicklungsalltag verändern kann

EbeneMögliche Wirkung
KonstruktionEntwurfsentscheidungen erhalten früher eine quantitative Orientierung. Mehr Hypothesen können geprüft werden, bevor ein vollständiger Solverlauf vorliegt.
CAE-ProzessSurrogat und FEM arbeiten parallel: schnelle Vorselektion auf der einen, hochgenaue Validierung auf der anderen Seite.
OrganisationFEM-Ergebnisse werden als strukturierte, wiederverwendbare Datenbasis für spätere Prognosen nutzbar.

Break-even

Abbildung: Die Break-even-Analyse vergleicht unter den Annahmen der Studie die kumulierten Kosten der Surrogatmodelle NARX, LSTM und Transformer mit dem klassischen Vorgehen. Die Surrogatmodelle benötigen zunächst Aufwand für Daten, Trainingsversuche und Validierung; danach sinkt der geschätzte Zusatzaufwand je weiterer Designiteration.
Abbildung Die Break-even-Analyse vergleicht unter den Annahmen der Studie die kumulierten Kosten der Surrogatmodelle NARX, LSTM und Transformer mit dem klassischen Vorgehen. Die Surrogatmodelle benötigen zunächst Aufwand für Daten, Trainingsversuche und Validierung; danach sinkt der geschätzte Zusatzaufwand je weiterer Designiteration.
Break-even-Analyse des klassischen FEM-Prozesses und der Surrogatmodelle NARX, LSTM und Transformer über die Zahl der Designiterationen
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Wirtschaftlichkeit

Wann sich der Vorlauf auszahlen kann

Das Surrogat startet mit Kosten für Datengenerierung, explorative Trainingsläufe und Validierung, verursacht nach dem Training aber deutlich geringere Grenzkosten pro Prognose. Die Arbeit schätzte den Break-even des Transformers im untersuchten Szenario auf rund 687 Designiterationen.

Diese Zahl ist keine allgemeingültige Schwelle. Sie basiert auf heuristischen Annahmen zu 50 explorativen und fünf finalen Trainingsläufen. Außerdem liefen FEM und neuronales Training auf unterschiedlicher Hardware. Jeder reale Prozess benötigt deshalb eine eigene Wirtschaftlichkeitsrechnung.

Gültigkeitsbereich

Was der MVP abdeckt – und was nicht

1

Ein einzelnes Fahrzeugmodell

Das untersuchte Fahrzeug war nicht parametrisiert. Weitere Fahrzeuge und veränderliche Fahrwerksparameter waren nicht Teil des Nachweises.
2

Ausschließlich vertikale Dynamik

Laterale und longitudinale Freiheitsgrade müssen für einen breiteren Praxiseinsatz separat abgebildet und validiert werden.
3

Gerade Strecke und konstante Geschwindigkeit

Kurven, wechselnde Geschwindigkeitsprofile und zusätzliche Lastzustände liegen außerhalb des demonstrierten Gültigkeitsbereichs.
4

Offline-Training

Die automatische Rückführung neuer Daten und kontinuierliches Active Learning sind das Zielbild, nicht bereits umgesetzte MVP-Funktionen.

Weiterentwicklung

Vom kontrollierten MVP zum lernenden CAE-System

1

Unsichere Fälle erkennen

Künftige Unsicherheitsmaße könnten Eingaben außerhalb sicher gelernter Bereiche oder Fälle mit erhöhter Prognoseunsicherheit markieren; eine solche Absicherung war nicht Teil des MVP.
2

Gezielt neue FEM-Simulationen starten

Referenzrechnungen werden dort priorisiert, wo sie den größten Informationsgewinn für Modell und Konstruktion liefern.
3

Datenqualität und Herkunft sichern

Versionierung, Qualitätsprüfungen und definierte Freigabekriterien verhindern, dass ungeprüfte Ergebnisse in das Training gelangen.
4

Kontrolliert nachtrainieren und bereitstellen

Ein neuer Modellstand wird gegen Referenzfälle validiert, bevor er im CAE-Prozess eingesetzt wird.

FAQ

Häufige Fragen zum FEM-Surrogat

1

Was ist der größte Vorteil eines Surrogatmodells?

Es verkürzt die Wartezeit zwischen Konstruktionsidee und erster belastbarer Einschätzung. Dadurch können mehr Varianten früh geprüft werden, während teure FEM-Läufe auf vielversprechende Kandidaten konzentriert bleiben.
2

Welche Rolle spielt FEM nach dem Training?

FEM bleibt unverzichtbar: Sie liefert die Referenzdaten, prüft ausgewählte Varianten und erzeugt neue Trainingsdaten. Das ML-Modell übernimmt die schnelle Vorbewertung, nicht die finale Freigabe.
3

Wie wird verhindert, dass sich das Modell von der Realität entfernt?

Das Modell wird nur innerhalb eines definierten Gültigkeitsbereichs eingesetzt, auf unbekannten Betriebsbedingungen getestet und regelmäßig gegen neue FEM-Ergebnisse geprüft. Geeignete neue Referenzfälle können für kontrolliertes Nachtraining verwendet werden.
4

Was bedeutete „nahezu Echtzeit“ in der Untersuchung?

Nach dem Training konnte der beste Transformer 770.721 Zeitschritte pro Sekunde vorhersagen. Die Datenerzeugung und das Training sind darin nicht enthalten; ihr Aufwand wird vor der späteren Nutzung investiert.
5

Nach wie vielen Varianten lohnt sich der Ansatz?

Die Arbeit schätzte für den Transformer einen Break-even nach rund 687 Designiterationen. Die Berechnung nutzt heuristische Annahmen und unterschiedliche Hardware und muss für jeden realen Prozess neu erstellt werden.
6

Welche Grenzen hatte der Demonstrator?

Der MVP betrachtete ein Fahrzeug, ausschließlich vertikale Dynamik, gerade Strecken und konstante Geschwindigkeiten. Lateraldynamik, gekrümmte Strecken, mehrere Fahrzeuge und kontinuierliches Online-Lernen waren nicht Teil des Nachweises.

Quelle

Datengrundlage und methodischer Hinweis

Bachelorarbeit: Surrogate Modeling of Rail Vehicle Dynamics using Neural Networks, Oscar Johann Schumacher. Alle Kennzahlen und Aussagen gelten für den dokumentierten MVP und dürfen nicht ohne neue Validierung auf andere Fahrzeuge, Simulationsmodelle oder Hardwarekonfigurationen übertragen werden.

Nächster Schritt

Welche Entscheidungen müssen wirklich auf den nächsten Solverlauf warten?

Ein abgegrenzter Referenzprozess zeigt, ob genügend wiederkehrende Simulationen und geeignete FEM-Daten für ein verantwortungsvoll einsetzbares Surrogatmodell vorhanden sind.